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Geschichten über Bilder, die irgendwann irgendwo s o n s t entstanden sind.

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Durch Berlin kann man sich treiben lassen. Egal wie das Wetter ist, irgendetwas Überraschendes wird einem schon begegnen, wenn man einfach so bei Nieselregen zu Fuß unterwegs ist. Mit V. und T. schlenderte ich am Askanischen Platz in Kreuzberg los. Vorbei am Martin-Gropius-Bau. Und schon kurz dahinter wurden wir eingeladen zur Trabi-Safari in Pink und im Leopardenlook. Der sich an den Trabiplatz anschließende Theaterfundus auf dem Hinterhof der Zimmerstraße hatte etwas Labyrinthisches. Große Spiegel in allen Ecken und barocke Sessel ließen nur schmale Laufgängen durch die Räume zu. Und wenige Meter weiter schlug die Geschichte zu: das Stasi-Museum des BStU-Bildungszentrums und das Mauer-Panorama von Yadegar Asisi, das wir uns ansahen. Und erschrecken darf man sich nicht über diese Art Inszenierung von Geschichte, denn an der nächsten Straßenecke, am ehemaligen Checkpoint Charlie, geht es nur noch um Souvenirs des Kalten Krieges und Devotionalien der Roten Armee. Den Touristen scheint es zu gefallen. Sie strömen ohne Unterlass zwischen Checkpoint und der Gedenkstätte Topografie des Terrors, begleitet vom babylonischen Sprachgemurmel. Es gibt überall ausreichend Open-Air-Informationstafeln. Aber natürlich nimmt man die Bilder und kurzen Texte nur als historische Aha-Effekte auf und kann sich in dem Geschiebe und Gedrängel nicht wirklich damit auseinandersetzen. Besinnung findet man dagegen in den unteren Ausstellungsräumen des VW-Ausstellungszentrums an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden. (Wobei man natürlich dort erst einmal die oberen glitzernden Ausstellungsräume der Autos überwinden muss.) Die in der Ausstellung DRIVE EAST präsentierten Fotos von Volker Kreidler zeigen u. a. ehemalige Orte des Zweiten Weltkrieges im Osten Europas. Von den Schlachtfeldern ist nichts mehr zu erkennen und gerade deshalb beeindrucken die großformatigen stillen Bilder in dem Augenblick wenn man die ausführlichen Bildunterschriften liest. Interessant sind auch seine Architekturfotografien der Bauten der Moderne in der ehemaligen Sowjetunion.

 

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Am Sonntagvormittag erwartet den Besucher ein fast menschenleeres Museum in der Nonnenstraße in Leipzig-Plagwitz. Dieses ehemalige Leipziger Industrieviertel besitzt als Landmarke einen gewaltigen, fast schloßähnlichen Fabrikkomplex aus der Gründerzeit. Unscheinbar von außen ist dagegen das gegenüberliegende Museum für Druckkunst. Dessen wahre Schätze befinden sich im Inneren der ehemaligen Druckerei, verteilt auf mehrere Ebenen, rund um einen Innhof. Die Räume sind so benannt, wie es die Arbeitsgänge in einer Druckerei einmal vorgaben: Schriftgießerei, Maschinensetzerei, Großer Drucksaal, Holzstichwerkstatt, Handsetzerei und Kleiner Drucksaal. Zur Zeit gibt es im Museum eine Sonderausstellung zur Typographie, d. h. zur Schrift im 21. Jahrhundert. Diese Ausstellung war der eigentliche Grund des Museumsbesuches. Aber die Computerausdrucke moderner Schriften sind weniger reizvoll im Vergleich zu den Erlebnissen der Setz- und Druckmaschinen, die teilweise noch von älteren Druckern vorgeführt werden. So auch am Sonntag. Man kann aber auch selbst ein paar Blätter drucken bzw. abziehen. Die beiden Museumsmitarbeiter vor Ort halten alles bereit: die Druckfarbe, Vorlagen aus Bleisatz und geschnittene Papierbögen. Im Handsatzbereich kann man in alle Schubladen schauen und die wohlgeordneten Bleilettern ansehen und anfassen. Ausgestellte Musiknotenblätter, Holzstiche, Kupferstiche und Lithosteine sind natürlich genauso sehenswert. Besonders faszinierend ist es, wieder daran erinnert zu werden, wie wichtig es für diese handwerklich filigrane Arbeit ist, einen gut ausgeleuchteten Arbeitsplatz zu haben. Das Sonnenlicht war der entscheidende Faktor für einen Stempelschneider oder Holzstecher. Teilweise wurde das Licht noch durch eine mit Wasser gefüllte Glaskugel gebündelt.

http://www.druckkunst-museum.de/

 

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Da der Frühling, das Frische, Grüne, heute noch immer nicht zu sehen war, widmeten wir uns einem Projekt, das eher in eine zurückgezogene, nachdenkliche Zeit gehört. Der ehemalige Friedhof der Kirche von Caputh bei Potsdam ist schon vor vielen Jahren aufgelassen worden. Da sich gegenüber der Kirche das von Touristen oft besuchte Schloss Caputh befindet, kommt es vor, dass einige von ihnen auch den kleinen Kirchpark besuchen und einige der verbliebenen Grabmäler sehen. Aus diesem Grund sollen ein paar Informationen bereitgestellt werden. Für einen Flyer wollten wir diese Grabmäler und Gedenktafeln fotografieren. Neben der Familiengrabstätte der Adelsfamilie von Thümen gibt es u. a. einen Gedenkstein in der Nähe der Kirche mit einer ganz besonders tragischen Geschichte, wie mir der Pfarrer der Gemeinde erzählte. Das Ehepaar Haken hat am 24. April 1945 Selbstmord begangen. Sie haben ihre vier Kinder mit aus dem Leben gerissen. Die beiden älteren Töchter waren zu diesem Zeitpunkt 15 und 13 Jahre alt, die beiden Jungs waren 9 und 6 Jahre alt. Was mag in den Eltern während der letzten Minuten ihres Lebens vorgegangen sein? War es Angst vor der nahenden Roten Armee? Waren beide (promovierte Mediziner) vielleicht überzeugte Nationalsozialisten, die ihr Leben und das ihrer Kinder wie ein Kartenhaus zusammenstürzen sahen? Ich weiß es nicht. Die Inschrift auf dem rauhen Stein ist schon sehr verwittert. Die Namen und die Geburtsdaten sind kaum zu lesen. Mit Wasser und einem mitgebrachten Lappen haben wir versucht, die Farbe (und somit den Kontrast zwischen Schrift und Stein) etwas zu verstärken. Das Bild wird vielleicht die Abbildung zu der Geschichte, die sich hinter diesem Grabstein verbirgt.

 

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Vor einigen Wochen erhielt ich eine Anfrage einer luxemburgischen Studentin, die in Bern studiert. Sie schreibt eine Abschlussarbeit zum Thema: Bilder in der Erinnerungskultur (Bilder als Speicher, Bilder als Erinnerung). Ganz speziell ging es ihr dabei um den Mauerfall im November 1989. Nun wurde ich also Zeitzeugin und ließ mich befragen zu meinen persönlichen Erinnerungen. Vor diesem Termin suchte ich noch in meinen alten Tagbüchern nach Verwertbarem. Schließlich wollte ich meinen Rückblick noch einmal erden. (Irgendwann verwischen persönliche Erinnerungen mit den Bildern, die man aus den Medien gewohnt ist und man ist sich nicht sicher ob man das zu Erzählende auch wirklich erlebt hat.) Völlig überraschend war für mich zu sehen, dass ich im August 1989 (letztmalig vor den historischen Ereignissen) in mein Tagebuch geschrieben habe und erst wieder am 1. Januar 1990 darauf zurückkam. Im September und Oktober ´89 war ich viel auf Reisen und gleichzeitig überschlugen sich dann die Ereignisse. Da war die Maueröffnung zwar das wichtigste Ereignis, aber die Demos gegen das politische System und die Staatssicherheit nahmen einen weiteren großen Raum im Alltag ein. Anscheinend gab es keinen Grund für mich, das akribisch im Tagebuch zu notieren.

Während des Interviews legte mir die Studentin einige Bilder „rund um die Mauer“ vor und ich wählte spontan die Bilder aus, die meinem Erinnerungsbild entsprachen. Nach wie vor erscheinen als Stimmungsbilder des Vergangenen graue und dunkle Novemberbilder in meiner Erinnerung. Wobei das nicht meine damalige Einstellung war oder heute rückblickend meine Stimmungslage war, sondern wirklich nur meine innere Visualisierung der kurzen Herbsttage und langen -nächte. Das einstündige Interview verging unheimlich schnell und auch jetzt drängen sich immer noch einige Erinnerungen auf. Aber ich muss auch sagen, dass es keine einheitliche Erzählkette mehr wird, oder noch nicht ist. Wer weiß, was irgendwann einmal das Langzeitgedächtnis dazu zu sagen hat!

 

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